Sonntag, 29.05.2011
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Dudar: "Romario hat mich beeindruckt"

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Interviews,Dudar: "Romario hat mich beeindruckt"
Emiliano Dudar mit seinem Sohnemann Santino
Bild: Thomas Hodel

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SPOX: Werfen wir mal einen Blick auf die Anfänge Ihrer Karriere zurück. Träumte „Klein-Emi“ schon immer davon, eines Tages Fussball-Profi zu werden?

Dudar: Eigentlich schon. Ich spielte zwar auch mal für kurze Zeit Tennis, aber der Fussball war schon immer mein bester Freund, verstehen Sie? Überall wo ich war, hatte ich einen Ball dabei und spielte mit meinen Freunden auf der Strasse oder in der Schule Tag und Nacht. Mit acht Jahren trat ich zum ersten Mal einem Fussballclub bei. Ich spielte bei den Junioren von Vélez Sarsfield, dem Klub meines Herzens...

SPOX: …und dem Klub vom legendären paraguayanischen Spektakel-Torwart José Luis Chilavert! (siehe Bild unten rechts)

Dudar: (erstaunt) So ist es. Wieso wissen Sie das? Als ich mit 17 Jahren in die erste Mannschaft kam, habe ich sogar noch mit ihm zusammengespielt!

SPOX: Tatsächlich? Der war ja bei Vélez eine absolute Legende und schoss unglaublich viele Freitstosstore. Ich glaube jetzt ist er aber ein bisschen aufgegangen…

Dudar: (lacht) Das kann man wohl so sagen. Als ich kürzlich von ihm ein Bild in der Zeitung erblickte, musste ich zweimal hinschauen, um mir sicher zu sein, dass er es wirklich ist.

SPOX: In Buenos Aires gibt es doch tausende von Vereinen. Wieso entschieden Sie sich ausgerechnet für Sarsfield?

Dudar: Weil ich schon als kleiner Junge ein grosser Fan von diesem Klub war. Ich kann  auch nicht erklären, wieso genau. Ich pilgerte schon früh an die Spiele von Vélez Sarsfield und feuerte die Mannschaft in der Fankurve an.

SPOX: Bei Ihrem Stammklub verbrachten Sie vier Spielzeiten (63 Spiele, 5 Tore, Anm.d.Red.). Wie ging es danach weiter?

Dudar: Bei Vélez hatte ich eine super Zeit und kam viel zum Einsatz. In der letzten Saison verletze ich mich allerdings und wurde danach zu Independiente (Buenos Aires, Anm.d.Red.) ausgeliehen. Auch dort lief es mir eigentlich gut, doch Vélez plante nicht mehr mit mir und lieh mich für ein weiteres Jahr zu Banfield (aus Buenos Aires, Anm.d.Red.) aus. Dort lief es mir aber gar nicht und ich kam nur sehr wenig zum Einsatz. Also zögerte ich nicht lange, als mich ein Angebot von CA Tigre (aus Buenos Aires, Anm.d.Red.) erreichte – auch wenn der Klub dazumal nur in der zweiten Division spielte. Für mich war dies der richtige Schritt, weil ich dort viel spielen und Verantwortung übernehmen konnte.

SPOX: Dann kam plötzlich ein Angebot aus Rio de Janeiro…

Dudar: Ja, das hat mich auch überrascht, dass die auf mich aufmerksam wurden. Bei Tigre lief es mir ziemlich gut, ich gehörte zu den Stammspielern. Plötzlich flatterte ein Angebot von Vasco da Gama ins Haus. Das ist im brasilianischen Fussball eine Topadresse und ich brauchte wieder nicht lange, um mich zu entscheiden.

SPOX: Stimmt es, dass Sie dort auch mit der brasilianischen Legende Romario zusammenspielten?

Dudar: Und wie, ich war sogar dabei als er sein 1000. Tor seiner Karriere erzielte! Sie können sich gar nicht vorstellen was sich danach im Stadion alles abspielt. Die Fans stürmten das Feld, es wurde ein grosses Feuerwerk gezündet und Romario nur wenige Sekunden nach seinem Tor von einer Journalistenschaar umzingelt. Ich glaube, wir haben nachher gar nicht mehr weitergespielt...

SPOX: Damit spielten Sie mit einer weiteren Legende des Weltfussballs im gleichen Team, unglaublich. Wie war er denn so drauf?

Dudar: (kommt ins Schwärmen) Sie werden es mir vielleicht nicht abnehmen, aber bei ihm waren keinerlei Starallüren auszumachen. Er ist ein ganz ruhiger und angenehmer Typ – völlig normal. Und das alles trotz seinem riesigen Druck und Hype, der um seine Person herrschte. In Brasilien war es für Ihn unmöglich, sich auf der Strasse frei zu bewegen, weil er in seiner Heimat regelrecht verehrt und wie ein Gott behandelt wird. Trotz allem ist er völlig auf dem Boden geblieben. Ja, Romario hat mich sehr beeindruckt.

SPOX: Bei Vasco da Gama hatten Sie sportlich eine gute Zeit. Wie war sonst das Leben an der Copacabana?

Dudar: Sportlich gesehen, habe ich bei Vasco tatsächlich unvergessene Momente erlebt. Ich durfte in der Copa Libertadores und in der Copa Sudamericana spielen und in den grössten Stadien der Welt einlaufen. Zum Beispiel im legendären Azteca-Stadion in Mexico-City, als wir ein Copa Sudamerica Spiel gegen CF America bestritten. Das Stadion (Fassungsvermögen ca. 110‘000 Zuschauer, Anm.d.Red.) war zwar nicht ganz voll, aber es war trotzdem beeindruckend. Auch die Derbys gegen Flamengo (dem momentanen Verein von Ronaldinho, Anm.d.Red.) im Maracana-Stadion vor mehr als 100‘000 Zuschauern werden mir immer in bester Erinnerung bleiben. Aber auch sonst hat mir das Leben in Rio de Janeiro sehr gefallen. Es ist eine tolle Stadt mit wunderschönen Stränden.

SPOX: Ihre nächste Station hiess nicht etwa River Plate oder ein europäischer Topklub, sondern Chiasso. Jetzt müssen Sie mir aber erklären, wie es dazu kam, dass Sie von einem brasilianischen Topklub in die zweithöchste Schweizer Liga wechselten?

Dudar: Nun, im letzten halben Jahr bei Vasco zog ich mir leider eine Verletzung zu und ich konnte fast keine Spiele mehr bestreiten. Mein Vertrag lief nur bis Ende 2007, also musste ich mich nach einer Alternative umsehen. Eines Tages kam mein Manager mit einer Offerte vom FC Chiasso zu mir. Nach einiger Bedenkzeit nahm ich das Angebot an.

SPOX: Der Wechsel von der brasilianischen Serie A in die Challenge League muss für Sie nicht nur kulturell ein Schock gewesen sein?

Dudar: Im Tessin lebte ich mich ziemlich schnell ein. Aber sportlich gesehen, war es schon ein drastischer Unterschied zu Brasilien. Die Mannschaft steckte im Abstiegskampf und die Trainingsqualität war nicht besonders hoch, da die meisten nur Halb-Profis waren.

SPOX: Nach nur fünf Monaten kehrten Sie wieder in ihre Heimat zu Olimpo de Bahìa Blanca (wie könnte es anders sein, aus Buenos Aires, Anm.d.Red.) zurück.

Dudar: Ja, weil ich bei Chiasso nur einen Vertrag bis Ende der Saison 2007/2008 unterschrieben habe. Es war für mich eher eine Übergangszeit, um wieder zu Spielpraxis zu kommen und in Europa meine Visitenkarte abzugeben.

SPOX: Das gelang Ihnen. Nachdem Sie in Ihre Heimat zurückkehrten, flatterten gleich mehrere Angebote aus der Schweiz in Ihr Haus.

Dudar: Ich erhielt unter anderem auch ein Angebot vom FC Sion. Aber nachdem ich mit Verantwortlichen Gespräche geführt hatte, war ich nicht besonders begeistert. Da zog ich schon eher das Angebot der AC Bellinzona vor, weil ich mit dem Tessin schon gute Erfahrungen gemacht habe.

SPOX: Auch in Bellinzona blieben Sie nur ein halbes Jahr…

Dudar: …weil mich im Sommer YB verpflichten wollte. In Bellinzona gefiel es mir sehr gut. Wir spielten zwar nicht oben mit, konnten uns jedoch in der Super League halten. Für mich war aber immer klar, dass ich einmal zu einem ambitionierteren Verein wechseln möchte.

SPOX: Wenn Sie den Fussball in der Schweiz mit dem in Südamerika vergleichen, wo finden Sie die grössten Unterschiede?

Dudar: Es ist schwierig zu vergleichen. In Südamerika sind die meisten Spieler technisch auf einem sehr hohen Niveau. Dafür ist hier die taktische Schulung um einiges ausgeprägter und auch das Tempo etwas höher. Die Stürmer geniessen in Südamerika viel mehr Freiheiten, das habe ich vor allem in meiner Zeit in Brasilien festgestellt. Da spielten wir meistens mit einer 3er-Kette. Ich fand mich jedoch in etlichen Situationen alleine vor unserem Tor wieder…(schmunzelt) Die Verteidiger musste ich dort mehr führen als hier bei YB.

SPOX: Denken Sie, ein Klub wie YB wäre etwa auf dem gleichen Niveau wie ein argentinischer Durchschnittsklub?

Dudar: Auf jeden Fall. Ich denke sogar, dass die Schweizer Spitzenvereine wie Basel, Zürich oder YB in der argentinischen Liga vorne mitspielen könnten! Hier in Bern haben wir sehr gute Spieler mit grossem Potential. Ich wage zu behaupten, dass die meisten auch bei einer Mannschaft wie Boca Juniors oder River Plate mithalten könnten.

SPOX: Ein grosser Unterschied zwischen den beiden Kontinenten ist auch die verschieden Fankultur. In Südamerika ist alles nochmal eine Stufe fanatischer. Welche Fan-Kultur gefällt Ihnen persönlich besser?

Dudar: Früher war ich auch einer, der gerne in die Fankurve stand und mein Lieblingsteam mit Schlachtrufen anfeuerte. Wenn man in Argentinien in ein Stadion einläuft, bekommt man schnell Gänsehaut. Die Fans schmeissen Papierrollen aufs Feld und brennen Fakeln ab…

SPOX: …da muss ich kurz einschreiten. Wenn im Wankdorf jemand eine Fakel anzündet, ist das wochenlang ein riesiges Thema in der Schweiz…

Dudar: …jaja, ich weiss. In Argentinien ist dies jedoch alltäglich und gar nicht mehr wegzudenken. Aber zurück zur vorherigen Frage: die Stimmung in den südamerikanischen Stadien ist immer imponierend, allerdings auch aggressiv. Das ist ein grosses Problem. Wenn man schlecht spielt, sind die Fans sauer. Da erlebt man zum Teil als Spieler sehr unschöne Dinge, die oftmals auch ins private Leben eingreifen. Hier sind die Fans zwar auch sauer, wenn wir schlecht spielen, aber man respektiert den Spieler auch als Menschen. Wenn die Fans im Stadion ihren Unmut kundtun, ist das ok – damit hat man als Fussballer umzugehen. Sobald es aber in die Privatsphäre geht, ist fertig lustig! Deshalb schätze ich hier die Ruhe sehr. Man respektiert mich als Menschen und es ist nicht wie in Argentinien gefährlich, wenn man auf die Strasse geht. Und die Stimmung ist übrigens auch bei uns in jedem Heimspiel hervorragend!

SPOX: Halten Sie sich noch auf dem Laufenden, was sich in der argentinischen Liga tut?

Dudar: Über Internet gehe ich sicher jeweils die Resultate und die Zusammenfassungen des Spieltags schauen. Manchmal – wenn es nicht gerade mitten in der Nacht ist – schaue ich mir auch ein ganzes Spiel an. Kürzlich sah ich den Classico zwischen Boca und River.

SPOX: Und für wen schlägt Ihr Herz?

Dudar: River! Aber sie gingen leider 2:0 unter…(winkt ab)

SPOX: Ach, kein Grund zur Sorge. Sie sind ja immer noch vor den Boca Juniors klassiert. Eiferten Sie in jungen Jahren einem Idol nach?

Dudar: Natürlich bewunderte auch ich als kleiner Junge den grossen Diego Armando Maradona. Was er alles mit dem Ball anzustellen wusste, faszinierte mich. In gewisser Hinsicht war er schon ein Vorbild für mich – aber nur auf dem Feld! Wie sich Diego neben dem Platz verhielt, ist eine Schande... Da bevorzuge ich schon eher Lionel Messi – er ist ein wahrer Musterprofi.

SPOX: Was hielten Sie davon, als Maradona als neuer National-Coach vorgestellt wurde?

Dudar: Ehrlich gesagt, nicht viel. Die meisten Leute wussten, dass dies nicht gut gehen kann – nur wagte sich keiner, dies auszusprechen. Es hätte sicher bessere Lösungen für den Trainerposten gegeben. Auch wenn es zu Beginn der WM ja eigentlich gar nicht so schlecht aussah. Im Achtelfinale putzten wir Mexico mit 3:0 weg, doch danach kamen ja die Deutschen… An diesem Tag trugen wir übrigens mit YB ein Freundschaftsspiel gegen Zürich aus. Mit einem Ohr konnte ich beim TV, der in der Stadion-Beiz aufgestellt wurde, das Spiel mit verfolgen. 0:1, 0:2, 0:3, 0:4… Ich konnte es kaum glauben.

SPOX: Zum Schluss noch eine letzte Frage zu ihrer Zukunft: Sehen Ihre Pläne vor, dass Sie eines Tages wieder als Fussballer in Ihrer Heimat tätig sein werden oder möchten Sie in Europa Ihre Karriere beenden?

Dudar: So weit denke ich noch gar nicht. Ich glaube, dass wird sich alles von selbst ergeben. Ich geniesse die Lebensqualität in der Schweiz. Man weiss aber nie, was kommt. Deshalb schliesse ich es sicher nicht aus, einmal wieder in meiner Heimat zu spielen.

SPOX: Emiliano Dudar, ich danke Ihnen vielmals für dieses ausführliche Gespräch!


Interview: Etienne Güngerich

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews mit Emiliano Dudar

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