SPOX: Apropos Vorbereitung: bei den
NHL-Spielern ist es ja speziell, dass sie während dem ganzen Sommer in der Heimat weilen und alleine trainieren. Wie sieht es bei Ihnen in diesem Sommer aus?
Streit: Wie schon erwähnt, war ich in Florida in den Ferien. Dort habe ich während rund zwei Wochen wirklich mal nichts gemacht. Danach war ich wieder in der Schweiz. Ich trainierte einige Zeit relativ locker, machte einige präventive Übungen, ging in den Kraftraum und trieb andere Sportarten. Dann absolvierte ich vor allem mit meinem Personal-Coach – mit dem ich schon seit über zehn Jahre zusammenarbeite – in Zürich einige Einheiten. Letzte Woche leitete ich mit Tinu Gerber und Co. das traditionelle Hockey-Camp für Junioren in Zuchwil.
SPOX: Letztes Jahr trainierten Sie auf dem Eis teilweise mit den SCL Tigers und mit dem SC Bern. Haben Sie sich für diesen Sommer schon nach Alternativen umgeschaut?
Streit: Höchstwahrscheinlich werde ich mich wieder dem SCB anschliessen.
SPOX: Keine Bedenken, dass Sie nicht aufgenommen werden?
Streit: Nein, nein. Ich kenne Larry ja schon seit Jahren und habe auch schon unter ihm gespielt. Letztes Jahr liess er es auch zu, dass ich mit Roman Josi und Yannick Weber mit trainieren durfte. Da ich letzte Saison nicht spielte, ist es für mich sehr wichtig, relativ früh aufs Eis zu gehen.
SPOX: Wie können die Islanders eigentlich kontrollieren, ob Sie schön nach Programm arbeiten? Kommt da mal einer vorbei?
Streit: Bei mir ist noch nie jemand vorbei gekommen. Ich denke, in meinem Alter weiss ich selber, was ich zu tun habe. Vielleicht kommt es bei jüngeren Spielern vor, dass sie von der Organisation während zwei Wochen in die Trainingshalle aufgeboten und kontrolliert werden. Ich glaube jedoch, in der heutigen Zeit ist sich jeder Spieler bewusst, dass er im Sommer „Vollgas“ geben muss. Früher gingen die Amerikaner oder die Kanadier wohl noch den ganzen Sommer über Golf spielen und fingen dann erst im Camp an, richtig zu trainieren. Heutzutage ist so etwas unvorstellbar – der Konkurrenzkampf ist schlicht zu gross.
SPOX: Die Europäer reisen alle in Ihre Heimat. Was machen aber die Einheimischen Nordamerikaner?
Streit: Die machen in etwa das gleiche Programm wie wir. Es ist so, dass das Trainingszentrum der jeweiligen Franchise auch nach der Saison den Spielern jeden Tag zur Verfügung steht. Die Ausrüstungen bleiben also dort und wenn einer Lust hat, aufs Eis zu gehen, kann er jederzeit ins Trainingszentrum. Die meisten Europäer schliessen sich im August ihrem Stammklub an, um auf dem Eis trainieren zu können. Die Nordamerikaner bilden hingegen diverse Grüppchen und treffen sich jeweils für ein internes „Mätchli“.
SPOX: Besonders sind in der
NHL auch die Coaches. Der Führungsstil ist im Vergleich zur Schweiz rauerer. Ist es tatsächlich so, dass die Trainer in der
NHL kaum einmal mit einem Spieler ein Wort wechseln?
Streit: Ich denke, auch da hat es in der
NHL eine „östliche“ Entwicklung gegeben. Es kommt ganz auf den Coach an. Die sogenannten „Old-School-Coaches“ pflegen schon einen eher raueren Stil. In Montreal hatte ich zum Beispiel Guy Carbonneau, der war so ein „Old-School-Coach“. Da wurde grosse Distanz zu den Spielern bewahrt. Bei den Islanders unter Scott Gordon ist das Verhältnis etwas lockerer.
SPOX: Ein Coach muss doch aber zu seinen Schlüsselspielern eine Beziehung haben, sonst kann er doch gar nicht den Puls der Mannschaft fühlen?
Streit: Ja, zu den Schlüsselspielern hat der Trainer schon einen gewissen Draht. Es kam auch bei mir ab und zu vor, dass sich der Coach mit mir über gewisse Dinge unterhalten hat.
SPOX: Wenn Sie einmal schlecht gespielt haben, wie holen Sie sich Rückmeldungen, was es in Ihrem Spiel noch zu verbessern gibt?
Streit: In meinem Alter weiss ich langsam aber sicher, ob ich gut oder schlecht gespielt habe. Da brauche ich nicht immer ein Statement vom Trainer. Seit ich bei den „Isles“ bin, habe ich sowieso noch nie grottenschlecht gespielt – sonst würde etwas nicht stimmen. Ich denke, die distanzierte Beziehung zwischen Coach und Spieler stellt vor allem manchmal für die Jungen ein Problem dar.
SPOX: Wie sieht die Coaching-Aufteilung während einem Spiel aus? Wer spricht da jeweils zur Mannschaft bei ungefähr fünf Assistenztrainern an der Bande?
Streit: Während dem Spiel geht es sowieso so hektisch zu und her, dass der Coaching-Staff gar nicht viel Einfluss nehmen kann. Grundsätzlich ist es aber so, dass ein Assistent das Powerplay und der Andere das Penalty Killing betreut. Der Headcoach gibt seine Inputs meistens an die Assistenten weiter, die dann den Auftrag ausführen.
SPOX: Wenn man von aussen jeweils nur die Spiele beobachten kann, bekommt man schnell das Gefühl, dass in einem
NHL-Team alles Einzelkämpfer sind und der Teamgeist nicht so ausgeprägt vorgelebt wird, wie in der Schweiz.
Streit: Das mag von aussen so wirken. Innerhalb der Mannschaft herrscht aber ein Teamgeist wie in jeder anderen Mannschaft auch. Vor und nach den Trainings machen auch die
NHL-Spieler Kapriolen. Ein Unterschied ist allerdings vielleicht der „Switch“ von Spass auf Arbeit. In Nordamerika weiss jeder, wann es Zeit ist, auf „Arbeit“ umzustellen.
SPOX: Sie sind nun schon seit fünf Jahren in der weltbesten Hockeyliga engagiert. Spätestens seit der All-Star-Game-Teilnahme 2009 konnten Sie sich auch bei den grossen
NHL-Stars Respekt verschaffen.
Streit: Ich glaube schon, dass mich mittlerweile auch die grossen
NHL-Stars kennen. Die meisten wissen, dass ich vorher bei den Montreal Canadiens drei Jahre gespielt habe und auch am Allstar-Game teilnahm. Und selbstverständlich hoffe ich auch, dass sie wissen, dass ich Schweizer bin.
SPOX: Wie lange haben Sie noch im Sinn, Eishockey zu spielen?
Streit: Mein Ziel ist es so lange wie möglich in der
NHL zu spielen! Ich habe zwar schon 33 Jahre auf dem Buckel, man darf allerdings nicht unterschätzen, dass ich erst mit 28 in der
NHL spielte und bisher „erst“ 361 Spiele absolviert habe. Andere
NHL-Stars in meinem Alter haben bereits doppelt so viele Spiele wie ich bestritten. Das sind natürlich extrem verschiedene Abnützungserscheinungen. Zudem kann ich die Saison, die ich verletzungsbedingt verpasst habe, anhängen. So rechne ich damit, dass ich mindestens bis 38 in der
NHL mithalten kann.
SPOX: Und danach, haben Sie sich bereits Gedanken gemacht? Ist eine Rückkehr in die Schweiz zum Karriereausklang vorstellbar?
Streit: Wie gesagt, mein Fokus liegt zuerst darin, so lange wie möglich in der
NHL zu spielen. Über das, was danach kommt, habe ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Eine Rückkehr in die Schweiz schliesse ich sicher nicht aus, aber das ist noch zu weit weg. Es ist jedoch gut möglich, dass ich auch nach meiner Karriere noch etwas mit Eishockey mache. Ich leite ja jeden Sommer mit Tinu Gerber und David Aebischer ein Trainings-Camp für Junioren. Zu Beginn war dieses Camp nur für Goalies, mittlerweile nehmen auch die hoffnungsvollsten Verteidiger daran teil. Das ist sicher eine Arbeit, die mir sehr viel Spass bereitet.
SPOX: Mark Streit, ich danke Ihnen vielmals für das spannende Interview!
Interview: Etienne Güngerich
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