Der FC Thun sorgt in dieser Saison nicht nur in der Axpo Super League sondern auch auf internationalem Parkett für Furore. Nach dem sensationellen Ausschalten von Serie-A-Klub US Palermo wartet nun in den Playoffs zur Europa League Gruppenphase mit Stoke City (ab 19.30 Uhr im Live-Ticker) eine Mannschaft aus der Premier League. Verteidiger Beni Lüthi verrät im Interview mit SPOX wie man den grossen Favoriten in die Knie zwingen will.
SPOX: Beni Lüthi, der
FC Thun ist sensationell in die neue Saison gestartet. Erster Platz in der Super League und dazu in der
Europa League zwei Runden überstanden. Auf was führen Sie die starken Leistungen der Mannschaft zurück?
Beni Lüthi: Der Hauptgrund ist, dass wir ein hervorragend funktionierende Truppe haben. Es sind alles super Typen, die sich für den anderen einsetzen. Man darf diesen Aspekt nicht unterschätzen. Durch die letzte Saison sind wir zudem noch erfahrener geworden und jeder weiss haargenau, was er auf dem Platz für eine Aufgabe hat.
SPOX: Mit dem Trainerwechsel von Erfolgscoach Murat Yakin zu Bernard Challandes prophezeiten schon viele den Untergang des
FC Thun.
Lüthi: Bernard Challandes passt sehr gut zu uns und kann die Mannschaft perfekt auf ein Spiel einstellen. Er weiss, wann er die Spieler motivieren und wann er sie eher runter holen muss.
SPOX: Hat sich den in Bezug auf die Taktik und Spielsystem etwas zu Vorgänger Murat Yakin verändert?
Lüthi: Unter Challandes setzen wir unser Pressing etwas weiter vorne an, als noch letzte Saison. Muri achtete extrem darauf, dass wir hinten auf unseren Positionen sind und kompakt stehen. Deshalb hatten wir auch mehrere Spielsysteme eingeübt. Diese Saison konzentrierten wir uns vornehmlich auf zwei Systeme – dafür sitzen diese jetzt fast perfekt.
SPOX: Bei den Neuzugängen wie Christian Schneuwly oder Mauro Lustrinelli macht es den Anschein, als würden sie schon seit Jahren in dieser Mannschaft spielen.
Lüthi: Das stimmt. Ich muss betreffend der Mannschaftszusammenstellung einmal ein grosses Lob an unseren Sportchef Andres Gerber aussprechen. Er macht einfach einen souveränen Job. Er achtet bei einer Verpflichtung stark auf die menschlichen Eigenschaften eines Spielers, was ich extrem wichtig finde. Seit Gerber in Thun die sportlichen Fäden zieht, gab es nie einen Neuzugang der sich nicht gut in die Mannschaft einfügte.
SPOX: Seit YB-Leihgabe Christian Schneuwly vor ihnen auf der rechten Seite spielt, blühten Sie richtiggehend auf.
Lüthi: Ich kenne „Chrigu“ noch von früher und es macht riesigen Spass können wir jetzt zusammen auf der rechten Seite wirbeln. Bei YB lief es ihm leider nicht so gut, doch er ist ein kompletter Spieler, kann bei uns wieder auf seiner richtigen Position spielen und ist vor allem ein sehr bodenständiger Typ. Von dem her passt er ideal zu uns.
SPOX: Gegen Vlaznia Shkoder erzielten Sie das entscheidende Tor in der 93. Minute. In Palermo setzten Sie noch einen drauf. Nicht ein bisschen zu viel des Guten?
Lüthi: (schmunzelt) Ehrlich gesagt, habe ich es selber noch nicht so richtig verarbeitet. Denn wir hatten seit Saisonbeginn fast keinen Tag frei, um das Ganze einmal auf sich wirken zu lassen. Für mich waren das absolute Highlights, plötzlich sprachen mich Leute auf der Strasse an. Ich schiesse normalerweise fast keine Tore, deshalb konnte ich es zum Beispiel in Palermo erst gar nicht glauben als der Ball drin war und wusste nicht so recht, wie ich jetzt jubeln sollte. Es war unglaublich.
SPOX: Haben Sie sich Ihr Tor auf Youtube mit italienischem Kommentar nochmals angesehen?
Lüthi: Selbstverständlich, wenn man schon mal so ein Tor erzielt, muss man es sich doch auch nochmals anschauen. (lacht)
SPOX: Jetzt wartet in den EL-Playoffs zur Gruppenphase mit Stoke City ein nächster grosser Gegner. Was liegt für den
FC Thun drin?
Lüthi: Wichtig ist, dass wir an unsere Chance glauben und im Hinspiel eine gute Basis legen. Stokes grösste Stärke liegt vor allem bei den Standardsituationen – da werden sie sogar bei Einwürfen brandgefährlich sein, wenn Rory Delap spielt. Zudem sind sie physisch eine enorm starke Mannschaft – viel besser als Palermo. Darum wird es extrem wichtig sein, dass wir den Ball flach halten und Fouls an der Strafraumgrenze möglichst vermeiden.
SPOX: Engländer verpönen Kunstrasen. Inwiefern könnte dies ein Vorteil für Euch sein?
Lüthi: Ich glaube dieses Kriterium wird uns weniger bevorteilen als gegen Palermo. Es ist ja bekannt, dass die Italiener schnell jammern, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich denke Stoke wird topmotiviert hierher kommen. Immerhin waren sie über 40 Jahre nicht mehr in einem europäischen Wettbewerb dabei. Ein Vorteil unsererseits wird aber bestimmt sein, dass wir flinker und bereits seit über einem Monat den hohen Spielrhythmus gewohnt sind.
SPOX: Zu grosse Ehrfurcht wäre aber auch nicht angebracht. Schliesslich kam Stoke nur in die
Europa League, weil der andere FA-Cup-Finalist Chelsea für die Champions League qualifiziert ist. In der Premier League belegten die „Potters“ nur den 13. Rang.
Lüthi: Ja schon. Es ist keine absolute Top-Mannschaft wie Chelsea, ManU oder Arsenal. Aber man muss die Grössenverhältnisse zwischen den beiden Mannschaften schon realistisch sehen. Kürzlich verpflichtete Stoke mit Matthew Upson und Jonathan Woodgate zwei internationale Top-Verteidiger. Da wäre für uns absolut unrealistisch!
SPOX: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie spielten eine starke letzte Saison und wären von mir aus gesehen ein Kandidat für die U21-Auswahl gewesen, da die Mannschaft gerade auf der rechten Seite über Personalsorgen klagte. Waren Sie enttäuscht, wurden Sie nicht aufgeboten?
Lüthi: Was soll ich sagen. Ich war nie richtig dabei in den nationalen Auswahlen, von dem her kann ich es schon nachvollziehen, gab es für mich kein Aufgebot. Wenn der Trainer auf andere Spieler setzt, ist das ok für mich. Allerdings hätte ich mich schon mindestens über einen Anruf und eine kurze Erklärung gefreut.
SPOX: Beni Lüthi, besten Dank für die Antworten.
Interview: Etienne Güngerich
Bilder von Stokes Training in der ThunArena gibt's
hier!
FC Thun - Stoke City DO 19.30 Uhr
Arena Thun, SR Stalhammar/SWE
Thun: Da Costa; Lüthi, Matic, Schindelholz, Schneider; Bättig, Hediger (Demiri); C. Schneuwly, Lezcano, Andrist; Lustrinelli.
Stoke: Begovic (Sörensen); Huth, Shawcross (Upson), Woodgate, Wilson; Pennant, Whitehead, Whelan, Pugh; Jones, Walters.