John Fust ging im Januar in die Geschichtsbücher ein, als er die SCL Tigers als erster Trainer in die Playoffs führte. Im Interview mit SPOX spricht der Tigers-Dompteur über die Vorbereitung und die neuen Ausländer, erklärt, wieso es im Eishockey kein unterschätzen gibt und erzählt von seiner Zeit als Spieler.
SPOX: John Fust, die
SCL Tigers befinden sich seit Anfang August wieder im Eistraining. Wie zufrieden sind Sie mit der Vorbereitung?
John Fust: Es ist immer schwierig aus der Vorbereitung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber wir sind optimistisch. Der Kern der Mannschaft blieb bestehen, die Neuen haben sich gut integriert. Selbstverständlich hatten wir einmal bessere, dann wieder schlechtere Momente.
SPOX: Die Resultate sahen nicht so schlecht aus.
Fust: Ja, aber wissen Sie, in den Vorbereitungsspielen geht es nie um das Resultat. Es geht darum, gewisse Sachen auszuprobieren, sich als Mannschaft zu finden, an den Details zu feilen. Mir hat allerdings gefallen wie die Mannschaft auf gewisse Situationen reagiert hat, beispielsweise auf einen Drei-Tore-Rückstand. Auch im Powerplay sah ich Verbesserungen.
SPOX: Das war letztes Jahr eine der wenigen Schwächen der Tigers.
Fust: Ja das stimmt, vor allem in den entscheidenden Spielen. Aber jetzt haben wir mit Joel Perrault,
Kurtis McLean und auch Robin Leblanc starke Powerplay-Spieler bekommen. Ich bin sicher, dass wir in diesem Bereich besser sind.
SPOX: Was für Änderungen wollen Sie der Mannschaft für die neue Saison mitgeben?
Fust: Es ist lustig, praktisch jeder Interviewer rät mir, dass ich doch etwas ändern solle. Aber wieso eigentlich? Unser System, unser Konzept, unsere Mentalität war ja letzte Saison super. Wieso also alles über den Haufen schmeissen? Wir haben ausserdem auch viele neue Spieler, die dieses Denken noch nicht kennen. Von daher wird es nur ganz kleine Änderungen geben.
SPOX: Es ist eindrücklich, dass jeder Spieler der Tigers in jedem Spiel bis an seine Grenzen geht. Wie schaffen Sie das?
Fust: Hm, das ist eigentlich gar nicht meine Schuld, sondern vielmehr diese der Spieler! Sie sind diejenigen, die eine tadellose Arbeitseinstellung mit sich bringen. Jeder weiss, was wir (Trainerstaff, Anm.d.Red.) von den Spielern wollen und dass wir nur gewinnen können, wenn wir alles aus uns herausholen. Das funktioniert aber nur, wenn die Chemie in der Mannschaft stimmt.
SPOX: Viele sagen, dass Langnau die Erfolge letzter Saison nicht mehr wiederholen kann, weil man das Team nicht mehr unterschätzen wird. Was sagen Sie dazu?
Fust: Nicht viel. Sie können mir doch nicht ernsthaft Weiss machen, dass wir nach 38 Runden den HCD bezwangen, nur weil er uns unterschätzt hat! Nein, unterschätzen gibt es im Eishockey nicht. Wir haben einfach jeweils mehr aus uns herausgeholt als der Gegner. Aber wer sagt, dass uns dies in dieser Saison nicht wieder gelingen wird?
SPOX: Ich auf jeden Fall nicht.. Haben Sie der Equipe schon ein klares Ziel auf den Weg mitgegeben?
Fust: Die Spieler setzen sich ihre Ziele selber. Klar will jeder die Erfolge der letzten Saison wiederholen. Doch das wird alles ein Prozess sein, der mehrere Wochen dauert. Wichtiger ist, dass wir Kontinuität und ein gutes Gefühl in der Mannschaft haben.
SPOX: Was können die Fans von den neuen Ausländern Joel Perrault und
Kurtis McLean erwarten?
Fust: Perrault ist grossgewachsen und physisch sehr stark. Dazu verfügt er über eine gute Übersicht die für uns vor allem im Powerplay wertvoll sein wird. Doch Joel wird zweifellos auch neben dem Eis eine Leaderrolle übernehmen. McLean ist dagegen ein anderer Spielertyp. Ich vergleiche ihn gerne mit Berns Jean-Pierre Vigier. Ein giftiger Wühler der dort hingeht, wo es weh tut. Er wird unser Motor im Offensivspiel sein und offenbart auch Skorerqualitäten.
SPOX: Die Defensive wurde mit den Schweizern Rytz und Stettler verstärkt. Wie können sie der Mannschaft helfen?
Fust: Beide haben wertvolle Erfahrungen gesammelt und wurden bereits Schweizer Meister. Sie werden sicherlich auch für die „Special-Teams“ eine Verstärkung sein und in der Abwehr mehr spielerische Elemente reinbringen.
SPOX: Ein besonderes Experiment haben Sie bei den Moggi-Zwillingen gemacht. Claudio agiert neu als Center zwischen seinem Bruder Sandro und
Claudio Neff.
Fust: Ja, das war mal ein Versuch. Für Claudio ist diese Position zwar neu, aber er hat sich sehr gut damit zu Recht gefunden. In den Trainings gehörte er sogar zu den besten Bullyspielern und seine Punkteproduktion war auch ok.
SPOX: Die Stärke der Zwillinge ist ja das Spiel hinter dem gegnerischen Tor. Ist dies jetzt nicht in Gefahr, da der Center ja absichern sollte?
Fust: Nein.
Claudio Neff weiss, wann er sich zurückfallen lassen muss. Vorgaben gibt es bei uns sowieso nur in der Defensive, vorne dürfen die Spieler wirbeln wie sie wollen.
SPOX: In den Vorbereitungsspielen liessen Sie in etwa den gleichen Formationen spielen. Haben Sie Ihre Linien schon gefunden?
Fust: Das kann man nie sagen. Klar habe ich das Grundgerüst im Kopf – Änderungen kann es aber immer geben.
SPOX: Haben die vier Linien wie zum Beispiel in der NHL (Linie 1 und 2 offensiv, Linie 3 und 4 defensiv, Anm.d.Red) verschiedene Aufträge?
Fust: Nein. Wir haben nicht den Kader, um zwei absolute Toplinien aufs Eis zu schicken. Dafür haben wir vier ausgeglichene Linien und ich denke genau das ist eine unserer grössten Stärken! Bei uns kann jede Linie Tore schiessen, aber auch jede gut verteidigen.
SPOX: Was ist Ihnen in den Trainings wichtig?
Fust: Ganz einfach: dass hart und konzentriert gearbeitet wird, damit die Intensität so hoch wie möglich ist. Das ist die grösste Herausforderung für einen Coach.
SPOX: Und wie bringen Sie das Tag für Tag der Mannschaft bei?
Fust: Am besten wäre für einen Trainer, wenn die Trainings nur zehn Minuten dauern würden – dafür aber auf der höchstmöglichen Intensität. Ich fühle mich selber noch ein bisschen als Spieler und weiss deshalb, wie sie denken und was sie wollen. Ausserhalb der Halle bekommen sie viele Freiheiten. Sobald aber Training ist, fordere ich höchste Konzentration, da kenne ich kein Pardon.
SPOX: Obwohl man das sehr oft vergisst, sind Sie ja nicht alleine mit Ihrer Arbeit. Seit letzter Saison unterstützt Sie der ehemalige NLA-Goalie
Alex Reinhard als Assistent. Wie ist die Arbeit mit ihm?
Fust: Ich muss sagen, mit Alex zusammenzuarbeiten zu können, ist ein Glücksfall. Ich bin so froh, dass er hier ist. Wir sind nicht nur ein ausgezeichnetes Trainerteam, sondern auch neben dem Eis richtig gute Freunde geworden.
SPOX: Wie sieht die Aufgabenaufteilung zwischen Ihnen aus?
Fust: Alex betreut die Verteidiger, ich die Stürmer. Wir kommunizieren ständig und haben fast immer die gleichen Ansichten. Seine Meinung interessiert mich. Gibt es Entscheidungen zu treffen besprechen wir das ausführlich miteinander. Schlussendlich liegt aber die Entscheidung beim Headcoach. Alex hat ausserdem das ganze Sommertraining geleitet und ist meistens auch für die Videoanalysen zuständig - was jeweils ein riesen Aufwand ist - da ich Medientechnisch nicht so begabt bin…(lacht)
SPOX: Im Sport wird immer mehr mit Videoanalysen gearbeitet. Wie sehen diese bei den
SCL Tigers konkret aus?
Fust: Wir präsentieren der ganzen Mannschaft – oder selten auch einzelnen Spielern oder Linien – nach einem Spiel jeweils 5 – 7 Spielszenen. Mehr sollten es nicht sein, den nach zwanzig Minuten ist bei einem Spieler die Konzentration weg – da spreche ich aus eigener Erfahrung (lacht).
SPOX: Auch als Spieler waren Sie eine interessante Person. Sie waren nicht gerade mit dem grössten Talent gesegnet, holten aber immer alles aus ihrem Potential heraus und gehörten jedes Jahr zu den besten Skorer Ihrer Mannschaft. Als man das letztjährige Team spielen sah, konnte man das Gefühl bekommen, auf dem Eis befänden sich zwanzig John Fusts…
Fust: (unterbricht) Ja, nur sind alle ein bisschen schneller als ich…(lacht).
SPOX: Ok, aber die Schnelligkeit wird im Sport ohnehin überschätzt. Dieses Manko konnten Sie ja ohne Probleme durch ihr Stellungsspiel kompensieren. Sie zählten in ihren sechs Jahren in Langnau stets zu den besten Schweizer Skorern und agierten fast immer in der ersten Linie neben den Ausländern. Wie war das?
Fust: Auf der einen Seite ist es natürlich schön, wenn man das Vertrauen geschenkt bekommt. Auf der anderen Seite hatte ich aber mehr Druck, weil von der Ausländer-Linie immer Tore erwartet wurde. Ich glaube meine beste Zeit hatte ich neben Dan Gauthier zwischen 2000 und 2002.
SPOX: Und wie war es von Todd Eliks Zuckerpässen gefüttert zu werden?
Fust: (zögert) Gut, aber bei Todd musste ich mehr mit den Schiedsrichtern diskutieren, als mit ihm…(lacht)
SPOX: Speziell war auch, als Sie zu Langnau wechselten. Mit Herisau schafften Sie den Aufstieg in die NLA, hatten jedoch schon bei den Emmentalern in der NLB unterschrieben.
Fust: Ja, das war ein bisschen kurios. Damals schaffte ich mit Herisau den Aufstieg und zitterte um meine NLA-Karriere. Doch Ruedi Zesiger, der mich damals geholt hatte, versicherte mir, dass wir so schnell wie möglich den Sprung in die NLA schaffen werden – und so kam es denn auch.
SPOX: Wobei Ihr Start in Langnau nicht verheissungsvoll begann…
Fust: …ich fiel praktisch die ganze Saison verletzt aus und konnte nur noch die letzten sechs Spiele bestreiten. Der Aufstieg war aber trotzdem unvergesslich. Es war unglaublich was hier im Stadion abigng.
SPOX: Als Spieler waren Sie eher ein ruhiger Typ. In der Öffentlichkeit vernahm man nicht viel von Ihnen. Waren Sie denn in der Kabine lauter?
Fust: Nicht wirklich. Ich versuchte zwar ein Leader zu sein, aber mehr auf dem Eis, als in der Garderobe. Ich wollte mich vor allem auf dem Eis jeden Tag verbessern und hart an mir arbeiten.
SPOX: Wann hat sich abgezeichnet, dass Sie einmal Trainer werden?
Fust: Mit diesem Gedanken hatte ich schon lange gespielt. Dass es dann wirklich so weit kam, war eher ein Zufall. Mein ehemaliger Assistenztrainer Ted Snell hat mir einmal mit auf den Weg gegeben, dass ich als Trainer genau gleich agieren soll, wie ich das als Spieler habe. Ich versuche das so gut wie möglich umzusetzen und denke, bis jetzt hat dies nicht so schlecht geklappt.
SPOX: John Fust, besten Dank für Ihre Auskunft und viel Glück für die neue Saison.
Interview: Etienne Güngerich