Freitag, 21.10.2011
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Aufdenblatten: "Nadja war für uns wie eine Mutter"
Interviews
Morgen wird mit dem Riesenslalom von Sölden die neue Saison der Ski-Alpinen-Cracks eingeläutet. Für die Schweiz mit am Start sein, wird die routinierte Walliserin Fränzi Aufdenblatten. Im Interview mit SPOX erzählt die inzwischen 30-jährige, wie das Frauenteam den Abgang von Teamleaderin Nadja Kamer kompensiert, welche Ähnlichkeiten der Skisport mit der Formel 1 hat und wieso Talent alleine nicht für eine grosse Karriere reicht.
SPOX: Fränzi Aufdenblatten, kaum ist die Wintersaison zu Ende, schon steht sie wieder vor der Tür! Was für ein Fazit ziehen Sie vom harten Sommertraining?
Fränzi Aufdenblatten: Kurz bevor die Saison beginnt, äussert sich doch niemand negativ über das Sommertraining…. Da will sich keiner ein Blösse geben und alle reden nur davon, was für ein fantastisches Sommertraining sie hatten (lacht). Aber mal ganz im Ernst: wir hatten tatsächlich ein nahezu perfektes Sommertraining! Erstmals seit langer Zeit haben wir auf unseren üblichen Übersee-Trip verzichtet und ausschliesslich auf dem Gletscher in Zermatt trainiert. Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter, fast jeden Tag strahlte die Sonne. Nur während einer Woche mussten wir wegen schlechtem Wetter eine Konditionswoche einschieben. Ansonsten waren die Bedingungen wirklich perfekt! Und nein, das sage ich jetzt nicht nur weil ich aus Zermatt komme. (lacht)
SPOX: Während dem Sommertraining habt ihr euch sicher auch polysportiv betätigt. Gab es ein Highlight, das Ihnen besonders gefallen hat?
Aufdenblatten: Da muss ich nicht lange überlegen! Am Ende des zweimonatigen Konditionsblockes, in dem wir fast nur in Turnhallen und Krafträumen trainieren mussten, hat unser Coach Stefan Abplanalp für uns ein spezielles „Outdoor-Kondilager“ organisiert. Dafür machten wir uns Richtung Berner Oberland auf und verbrachten praktisch die ganze Zeit draussen. Einmal haben wir sogar in der freien Natur übernachtet, das war sehr eindrücklich (schmunzelt). Zum Schluss haben schliesslich Bergführer aus der Region für uns eine exklusive Abseilstelle eingerichtet, an der wir uns über eine 70 Meter lange senkrechte Wand abseilen konnten. Neben der wunderschönen Landschaft schimmerte uns beim Abseilen das glassklare Wasser des Thunersees entgegen. Das war mein absolutes Highlight des Sommertrainings 2011!
SPOX: Wie war die Stimmung während den Trainings im Frauen-Team? Die bisherige Leaderin Nadia Styger hat im Sommer ja ihren Rücktritt bekannt gegeben.
Aufdenblatten: Die Stimmung ist hervorragend, auch wenn wir Nadja in gewissen Situationen natürlich vermissen. Sie war schliesslich für die Jungen wie eine Mutter und für die Älteren eine richtig gute Freundin. Aber dank dem starken Zusammenhalt im Team konnten wir uns schnell an die neue Situation anpassen.
SPOX: Bemühen Sie sich, nun die junge Mannschaft anzuführen und die neue Leaderin zu sein?
Aufdenblatten: Nein, eine neue Leaderin haben wir noch nicht auserkoren. Ich denke sowieso, dass sich solche Sachen mit der Zeit von selbst ergeben. Momentan stimmt es für uns alle – auch ohne klassische Teamleaderin.
SPOX: Früher haftete Ihnen ein bisschen das Image an, keine Trainingsweltmeisterin zu sein. Plötzlich hört man jedoch, dass die Aufdenblatten so hart trainiert wie noch nie. Von wo kommt dieser Wandel?
Aufdenblatten: Nun gut, ich denke, dass ein Image sicher nicht von alleine kommt (schmunzelt)… Deshalb war wohl schon etwas dran an dieser Geschichte. Allerdings hat es mich frustriert, als mir dieses Image immer noch angehängt wurde, obschon ich eigentlich schon lange sehr hart trainiert hatte. Der Herrgott hat mir viel Talent in die Wiege gelegt, wofür ich auch sehr dankbar bin. Doch dieses Talent lehrte mich leider nicht unbedingt, immer das Maximum aus mir herauszuholen und immer noch härter zu arbeiten als gewohnt. Das musste ich als junge Athletin zuerst noch lernen. Doch eines Tages habe ich realisiert, dass man es mit Talent alleine in meinem Sport nicht bis ganz an die Spitze reicht. Wenn man sich nur auf sein Talent verlässt und nicht mehr genug hart arbeitet – schafft man es nie ganz an die Spitze. Konditionstraining war vielleicht nie meine Lieblingsdisziplin, doch nach einer gewissen Zeit kam ich zur Einsicht, dass ich eben doch das ganze Potenzial der körperlichen Fitness ausschöpfen muss. Inzwischen gehört das harte Konditionstraining ganz einfach zu meinem Job. Für eine anstrengende Saison muss ich mich körperlich topfit fühlen. Wenn man sich dann bereit fühlt, hat dies auch grosse Auswirkungen auf den mentalen Bereich. Wenn es also im körperlichen Bereich stimmt, sollte der Kopf automatisch bereit sein und nur so kann man am Ende 100 Prozent seiner Leistung abrufen.
SPOX: Als Sie in den Weltcup kamen, wurden Sie als grosses Riesenslalomtalent angepriesen. Wieso kam die Spezialisierung auf Abfahrt und Super-G eigentlich so früh?
Aufdenblatten: Es war einfach noch eine andere Zeit als heutzutage - leider! Ich feierte meine ersten grossen Erfolge auf der Abfahrt (Junioren Weltmeisterin in Quebec). Im Nachhinein betrachtet, war dieser Erfolg sicher nicht optimal für meine Karriere, denn so wurden die Weichen für mich zu schnell auf „Abfahrerin“ gestellt und ich vernachlässigte die anderen Disziplinen. Zu der Zeit war es allerdings normal, sich früh zu spezialisieren. Heute werden die Jungen dagegen zum Glück viel weniger schnell in eine Richtung gesteuert. Man versucht mit ihnen so lange wie möglich alle Disziplinen zu fördern; eine Spezialisierung wird erst später vorgenommen.
SPOX: Im Ski-Zirkus wird oft über die ungenügende Sicherheit diskutiert. Wie ist da Ihre Meinung?
Aufdenblatten: Ich finde es sehr gut, dass sich die FIS Gedanken über unsere Sicherheit macht. Es ist eine sehr komplexe Problematik, die sich nicht von heute auf morgen lösen lässt. Da ist es auch logisch, dass es zu Diskussionen kommt. Ich persönlich denke aber, dass es genau durch diese Diskussionen zu einem konstruktiven Austausch kommen wird. Ich bin positiv gestimmt, dass wir in den nächsten Jahren die Sicherheit in unserem Sport weiter verbessern werden. Und zwar alle zusammen: die Athleten, die Ski Hersteller, die Trainer und die FIS.
SPOX: Wie wichtig ist Ihnen das Material?
Aufdenblatten: Immens wichtig! Ich bin überzeugt, dass es nicht mehr viel anders ist, als beispielsweise in der Formel 1. Auch der beste Fahrer wird kein Rennen mehr gewinnen können, ohne passendes Material.
SPOX: Letzte Frage: Wie sieht konkret der Ablauf bis zum Saisonstart am 22. Oktober in Sölden aus?
Aufdenblatten: Wir haben diese Woche im Piztal und in Sölden trainiert. Am Freitag werden wir hoffentlich noch die Gelegenheit haben, auf dem Rennhang einige freie Fahrten zu machen. Das wäre auch für die Materialabstimmung eine grosse Hilfe und danach geht’s schon bald los!
SPOX: Fränzi Aufdenblatten, ich danke Ihnen vielmals, haben Sie sich für eine Stellungnahme Zeit genommen.
Interviewaufzeichnung: Etienne Güngerich
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