Freitag, 03.02.2012
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Josef Martinez: "Über die Schweiz wusste ich nichts"
Interviews
YB-Neuzugang Josef Martinez weilt erst seit einigen Wochen in Bern. Trotzdem hat er bereits in den ersten Testspielen eingeschlagen und mit vier Toren auf sich aufmerksam gemacht. Im Interview mit SPOX spricht der aufgestellte Venezolaner über seine Heimat, den ersten Kontakt mit Schnee und wieso er sich trotz vielen anderen Angeboten für YB entschieden hat.
SPOX: Josef Martinez, Sie wurden Anfang Jahr von ihrem Stammklub Caracas FC zum BSC YB in die Schweiz transferiert. Wie fühlen Sie sich rund drei Wochen nach dem Wechsel?
Josef Martinez: Sehr glücklich! Ich kann es eigentlich immer noch nicht so ganz realisieren, dass ich jetzt für einen europäischen Klub spiele. Plötzlich ging alles sehr schnell und schon war ich hier. Ich wurde aber von den neuen Teamkollegen super aufgenommen.
SPOX: In Ihrer Heimat Venezuela gelten Sie als grosses Talent, deshalb zeigten sich einige Experten überrascht, dass Sie zu YB wechselten und nicht zu einem grösseren Verein. Wieso haben Sie sich für YB entschieden?
Martinez: Nun, ich denke, für mich ist YB genau der richtige Klub, um den nächsten Schritt in meiner Karriere zu nehmen. Es gab schon Angebote von anderen Vereinen, dasjenige von YB passte für mich aber am besten. Es ist zwar kein europäischer Topklub, aber man kann hier immer um den Titel und in den europäischen Wettbewerben mitspielen.
SPOX: Was wussten Sie vor Ihrem Wechsel von der Schweiz und von Bern?
Martinez: Ehrlich gesagt, nichts! Ich wusste nur, dass die Schweiz irgendwo in Europa liegt und dass es dort wohl ziemlich kalt sein muss. Als sich der Transfer abzeichnete recherchierte ich allerdings stundenlang im Internet, um mehr über die Schweiz, Bern und YB herauszufinden.
SPOX: Konnten Sie bereits etwas von der Stadt sehen?
Martinez: Nein, leider noch fast gar nichts. Als Alex Gonzalez und ich hier in Bern ankamen, zogen wir ja gleich ins Trainingslager nach Marbella weiter. Das wird aber bestimmt noch kommen.
SPOX: Die Kältewelle hat nun auch die Schweiz erreicht. Das sind Sie sich von Venezuela nicht gewohnt. Wie gehen Sie damit um?
Martinez: Solche Kälte habe ich tatsächlich noch nie erlebt. Für mich ist das aber nicht so ein grosses Problem, man muss halt einfach ein bisschen auf die Zähne beissen (lacht). In Venezuela müssen wir dafür jeweils bei über 35 Grad trainieren, das ist dann auch nicht gerade so spassig.
SPOX: Und was ist es für ein Gefühl, zum ersten Mal Schnee zu sehen?
Martinez: Unglaublich! Es ist tatsächlich so, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Schnee sehe. Ich verhalte mich wie ein Kind, wälze mich im Schnee oder schiesse meine Teamkollegen mit Schneebällen ab (lacht).
SPOX: Auch in kulinarischer Hinsicht muss die Umstellung von Venezuela auf die Schweiz gross sein. Wie schmeckt Ihnen bis jetzt das Schweizer Essen?
Martinez: Sehr gut. Ich konnte leider noch nicht allzu viel ausprobieren, doch der Käse schmeckt hier wirklich ausgezeichnet.
SPOX: Wie können Sie sich mit Ihren Teamkollegen unterhalten, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind?
Martinez: Zum Glück haben wir dafür Ivan Benito. Wir haben ja jetzt einige spanisch sprechende Spieler in unserem Team, doch mit den anderen ist es manchmal schon etwas schwierig, sich zu unterhalten. Ivan Benito ist jedoch als Übersetzer allzeit bereit (lacht).
SPOX: Und mit dem Trainer? Hat er schon mit Ihnen gesprochen?
Martinez: Ja, der Coach kann sehr gut spanisch, von dem her ist dies kein Problem. Er hat schon oft mit mir gesprochen und mir mitgeteilt, was er von mir verlangt.
SPOX: Wie schätzen Sie die Trainingsqualität in Bern ein?
Martinez: Sehr hoch. Die Trainings hier bei YB sind um einiges intensiver, als in Caracas. Es geht alles noch einen Tick schneller zu und her, auch taktisch befindet man sich auf einem höheren Level. Das ist aber keineswegs schlecht, denn so werde ich in jeder Trainingseinheit bis ans Limit gefordert, was mich sicherlich weiterbringen wird.
SPOX: Hat eigentlich der Transfer von Ihnen und Alex Gonzalez in Ihrer Heimat grosse Wellen geschlagen?
Martinez: Das kann man durchaus so sagen. In den Medien war unser Wechsel schon ein Thema. Grundsätzlich freuten sich alle für uns, konnten wir einen Transfer nach Europa realisieren. Als wir am Flughafen Caracas Richtung Bern verliessen, begleiteten uns sogar einige Fernsehstationen.
SPOX: Und wie war die Reaktion in Ihrer Familie?
Martinez: Es waren alle überglücklich und stolz auf mich. Ich stamme aus einer grossen Familie, habe vier Brüder, die mir sehr wichtig sind. Klar waren sie auch traurig, werde ich künftig so weit weg von ihnen leben. Doch dank der heutigen Technologie kann man sich ja ohne grosse Probleme beinahe täglich und stundenlang miteinander austauschen.
SPOX: Sie haben bereits als junger Spieler beim Caracas FC debütiert. Der Meistertitel wurde jeweils immer verpasst, seit sie in der ersten Mannschaft waren. Was würden Sie als ihr Highlight mit Caracas bezeichnen?
Martinez: Sicherlich die Spiele in der Copa Sudamerica und der Copa Libertadores. Ich durfte gegen grosse Teams wie Bogota (Kolumbien), Peñarol (Uruguay) oder Velez Sarsfield spielen und als junger Spieler in den grössten Stadien Südamerikas einlaufen. Zu meinen Highlights zähle ich natürlich auch meinen ersten Einsatz für die A-Nationalmannschaft Venezuelas.
SPOX: Für diese absolvierten Sie bisher sechs Spiele…
Martinez: …ja, und ich will mich mit guten Leistungen in Bern für weitere Einsätze aufdrängen. In der aktuellen WM-Qualifikation stehen wir momentan so gut drin, wie schon lange nicht mehr. Es wäre natürlich ein Traum, 2014 an der Weltmeisterschaft in Brasilien für mein Heimatland aufzulaufen.
SPOX: Am Sonntag steht mit der Partie gegen Servette bereits das erste Spiel der Rückrunde an. Sind Sie dafür bereit?
Martinez: Aber claro! Ich bin immer bereit. Ich hab zwar noch keine Ahnung, ob ich spielen werde, aber falls ich gebraucht werde, bin ich sicherlich heiss auf einen Einsatz.
SPOX: Josef Martinez, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Stellungnahme und wünsche Ihnen viel Glück im neuen Verein!
Interviewaufzeichung: Etienne Güngerich
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